...
Ich hatte eine weitere sehr intensive Woche bei Iván. Was ich durch und über ihn erfahren habe, halte ich für so wichtig, daß ich weiteres davon an dieser Stelle wiedergeben möchte.

Santo Domingo und Jardin Etnobotánico
Ich löcherte Iván oft mit Fragen nach den „Presos Politicos“, den politischen Gefangenen, aber auch den Verschwundenen, von denen immer wieder die Rede ist. Er konterte dann stets mit einer Gegenfrage und wollte wissen, von wem ich denn eigentlich reden würde. Menschen verschwinden hier aus den unterschiedlichsten Gründen. Auf den Manifestationen bekomme man aber oftmals den falschen Eindruck, der Staat sei für all diese Vermißten verantwortlich. Das sei aber bei weitem nicht so.
Mitte der Woche brachte er dann einen Artikel aus der Jornada mit. In diesem wurde über einen seit Jahren schwelenden Konflikt zwischen zwei Dörfern berichtet, der mittlerweile schon mehrere Menschenleben gefordert hat. Und in Folge des Streits seien wohl auch einige Leute verschwunden.

Als Anfang der 30er Jahre in Mexiko das Land vermessen wurde, hatte man durch ein Versehen den Grund und Boden einer Gemeinde auf den Namen einer anderen registriert. Zwischen den eigentlichen Besitzern und den seitdem dort Lebenden gab es aber ein mündliches Übereinkommen, daß dies die traditionellen Besitzverhältnisse nicht berühren solle.
In den neunziger Jahre wurde unter dem neoliberalen P.R.I.-Präsidenten Carlos Salinas die mexikanische Verfassung geändert, um es zu ermöglichen Gemeindeeigentum zu veräußern. Obwohl der geänderte Artikel nie in die Verfassung Oaxacas übernommen wurde und somit hier keine Gültigkeit hat, fordern seitdem die ehemaligen Besitzer ihr Land zurück und kämpfen darum mit allen Mitteln, von gerichtlichen Auseinandersetzungen bis hin zur Anwendung von Gewalt.

Ich gebe diese Geschichte hier wieder, weil sie deutlich macht, wie weit die Ursachen für solche Konflikte in der Vergangenheit liegen können. In einigen Fällen reichen sie sogar in prekolumbiane Zeiten zurück. Sie macht aber auch deutlich, viel vielschichtig die Probleme oftmals sind.
Nicht selten kommen eine Reihe von Ursachen zusammen. Auf der einen Seite gibt es die unterschiedlichen Rechtsauffassung der Indiginas und des mexikanischen Staates. Erstere berufen sich auf ihren Traditionen und angestammten Rechte, das Gerichtswesen orientiert sich aber an, in diesem Falle falschen, Grundbucheintragungen. Hinzu kommt eine gewisse Nachlässigkeit, mit der hier verwaltungstechnische Dinge angegangen werden. Was die Auseinandersetzungen letztendlich eskalieren läßt, ist die hohe Gewaltbereitschaft, die es in Mexiko immer noch gibt.
Geschichtsstunde in Santo Domingo
Bei meinen Streifzügen durch das Museum von Santo Domingo habe ich erfahren, daß Auseinandersetzungen um Landbesitzt seit der Kolonialisierung immer wieder Anlaß für Aufstände der indigenen Bevölkerung und eine der wesentlichen Ursachen für den Ausbruch der mexikanischen Revolution1910 waren. Nicht nur die spanische Krone raubte den Indiginas ihr Land. Auch unter Porfirio Díaz wurde nach der Unabhängigkeit Mexikos kommunales Land in Privateigentum überführt.

In Folge der Revolution hatte man dann durch die Umwandlung riesiger Haciendas in Ejidien, kommunale Ländereien, deren Parzellen kleinen Bauern zur Bewirtschaftung zugewiesen wurden, zum Teil die traditionellen Eigentumsverhältnisse wieder hergestellt. Mit der Begründung auf den globalen Märkten wettbewerbsfähig sein zu müssen, wird aber seit Jahren versucht, das kommunale Land wieder zu privatisieren und das, wie zu Porfirio Díaz' Zeiten, zu Gunsten ausländischer Konzerne. Und so ist auch der Auslöser für den beschriebenen Konflikt der Versuch eine Gesetzesgrundlage für die Veräußerung kommunalen Grund und Bodens zu schaffen.
Noch einmal zu Iván
Aber nicht nur über mexikanische Geschichte habe ich mich mi Iván unterhalten. Mit jeder Spanischstunde interessierte ich mehr für ihn als Menschen zu. Ich wollte mehr über ihn erfahren, auch um besser einordnen zu können, was er mir erzählte und fragte ihn auch weiter zu seiner Familie aus.

Iván mag zwar eine hohe Meinung von seinen Onkeln und ihrem politischen Engagement haben, Kommunist war aber selber nie. Er wurde eher durch die 68er-Bewegung geprägt und hat die Massaker unter den Studenten in Mexiko City seiner Zeit miterlebt.
Interessant war auch zu erfahren, daß er seine Kindheit auf dem Land verbracht hatte, wo seine geschiedene Mutter als Grundschuhllehrerin gearbeitet hat. Als Kind mußte er häufig mit ihr zu den Manifestationen der Lehrer nach Oaxaca fahren. Zu diesen Zeiten waren das noch mehrere Tagereisen auf offenen LKW's. Wie er mir sagte, rührt auch daher seine tiefe Abneigung gegen die Lehrer.

Wir hatten die letzten zwei Wochen eine sehr intensive Zeit mit interessanten Gesprächen, in der wir uns ziemlich nahe gekommen sind. Zum Abschied schenkte Iván mir eine Band mit Gedichten von sich, aus dem wir eines gemeinsam lasen, welches er 1966 seinem inhaftierten Onkel gewidmet hatte.

Santo Domingo und Jardin Etnobotánico
Ich löcherte Iván oft mit Fragen nach den „Presos Politicos“, den politischen Gefangenen, aber auch den Verschwundenen, von denen immer wieder die Rede ist. Er konterte dann stets mit einer Gegenfrage und wollte wissen, von wem ich denn eigentlich reden würde. Menschen verschwinden hier aus den unterschiedlichsten Gründen. Auf den Manifestationen bekomme man aber oftmals den falschen Eindruck, der Staat sei für all diese Vermißten verantwortlich. Das sei aber bei weitem nicht so.
Mitte der Woche brachte er dann einen Artikel aus der Jornada mit. In diesem wurde über einen seit Jahren schwelenden Konflikt zwischen zwei Dörfern berichtet, der mittlerweile schon mehrere Menschenleben gefordert hat. Und in Folge des Streits seien wohl auch einige Leute verschwunden.

Als Anfang der 30er Jahre in Mexiko das Land vermessen wurde, hatte man durch ein Versehen den Grund und Boden einer Gemeinde auf den Namen einer anderen registriert. Zwischen den eigentlichen Besitzern und den seitdem dort Lebenden gab es aber ein mündliches Übereinkommen, daß dies die traditionellen Besitzverhältnisse nicht berühren solle.
In den neunziger Jahre wurde unter dem neoliberalen P.R.I.-Präsidenten Carlos Salinas die mexikanische Verfassung geändert, um es zu ermöglichen Gemeindeeigentum zu veräußern. Obwohl der geänderte Artikel nie in die Verfassung Oaxacas übernommen wurde und somit hier keine Gültigkeit hat, fordern seitdem die ehemaligen Besitzer ihr Land zurück und kämpfen darum mit allen Mitteln, von gerichtlichen Auseinandersetzungen bis hin zur Anwendung von Gewalt.

Ich gebe diese Geschichte hier wieder, weil sie deutlich macht, wie weit die Ursachen für solche Konflikte in der Vergangenheit liegen können. In einigen Fällen reichen sie sogar in prekolumbiane Zeiten zurück. Sie macht aber auch deutlich, viel vielschichtig die Probleme oftmals sind.
Nicht selten kommen eine Reihe von Ursachen zusammen. Auf der einen Seite gibt es die unterschiedlichen Rechtsauffassung der Indiginas und des mexikanischen Staates. Erstere berufen sich auf ihren Traditionen und angestammten Rechte, das Gerichtswesen orientiert sich aber an, in diesem Falle falschen, Grundbucheintragungen. Hinzu kommt eine gewisse Nachlässigkeit, mit der hier verwaltungstechnische Dinge angegangen werden. Was die Auseinandersetzungen letztendlich eskalieren läßt, ist die hohe Gewaltbereitschaft, die es in Mexiko immer noch gibt.
Geschichtsstunde in Santo Domingo
Bei meinen Streifzügen durch das Museum von Santo Domingo habe ich erfahren, daß Auseinandersetzungen um Landbesitzt seit der Kolonialisierung immer wieder Anlaß für Aufstände der indigenen Bevölkerung und eine der wesentlichen Ursachen für den Ausbruch der mexikanischen Revolution1910 waren. Nicht nur die spanische Krone raubte den Indiginas ihr Land. Auch unter Porfirio Díaz wurde nach der Unabhängigkeit Mexikos kommunales Land in Privateigentum überführt.

In Folge der Revolution hatte man dann durch die Umwandlung riesiger Haciendas in Ejidien, kommunale Ländereien, deren Parzellen kleinen Bauern zur Bewirtschaftung zugewiesen wurden, zum Teil die traditionellen Eigentumsverhältnisse wieder hergestellt. Mit der Begründung auf den globalen Märkten wettbewerbsfähig sein zu müssen, wird aber seit Jahren versucht, das kommunale Land wieder zu privatisieren und das, wie zu Porfirio Díaz' Zeiten, zu Gunsten ausländischer Konzerne. Und so ist auch der Auslöser für den beschriebenen Konflikt der Versuch eine Gesetzesgrundlage für die Veräußerung kommunalen Grund und Bodens zu schaffen.
Noch einmal zu Iván
Aber nicht nur über mexikanische Geschichte habe ich mich mi Iván unterhalten. Mit jeder Spanischstunde interessierte ich mehr für ihn als Menschen zu. Ich wollte mehr über ihn erfahren, auch um besser einordnen zu können, was er mir erzählte und fragte ihn auch weiter zu seiner Familie aus.

Iván mag zwar eine hohe Meinung von seinen Onkeln und ihrem politischen Engagement haben, Kommunist war aber selber nie. Er wurde eher durch die 68er-Bewegung geprägt und hat die Massaker unter den Studenten in Mexiko City seiner Zeit miterlebt.
Interessant war auch zu erfahren, daß er seine Kindheit auf dem Land verbracht hatte, wo seine geschiedene Mutter als Grundschuhllehrerin gearbeitet hat. Als Kind mußte er häufig mit ihr zu den Manifestationen der Lehrer nach Oaxaca fahren. Zu diesen Zeiten waren das noch mehrere Tagereisen auf offenen LKW's. Wie er mir sagte, rührt auch daher seine tiefe Abneigung gegen die Lehrer.

Wir hatten die letzten zwei Wochen eine sehr intensive Zeit mit interessanten Gesprächen, in der wir uns ziemlich nahe gekommen sind. Zum Abschied schenkte Iván mir eine Band mit Gedichten von sich, aus dem wir eines gemeinsam lasen, welches er 1966 seinem inhaftierten Onkel gewidmet hatte.
king.knut - 7. Mär, 22:47