1
Apr
2008

...

Das wird der letzte Eintrag in diesem Blog sein. Er sollte ja ursprünglich auch „Drei Monate Oaxaca“ heißen und die sind jetzt so gut wie vorbei. Der Grund ist aber ein anderer. In dem Blog habe ich darüber berichtet, wie ich mich in einer neuen Umgebung einrichte und langsam heimisch werde. Das habe ich mittlerweile geschafft. Jetzt geht es darum mein neues Umfeld hier zu festigen und ein ganz normales Leben zu führen, so wie zu Hause. Darüber möchte ich nicht mehr so ausführlich und regelmäßig schreiben, nicht zuletzt auch deswegen, weil mir die Zeit dazu fehlt.

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Zum Schluß Bilder von meiner Stammkneipe mit Graffitis von ASARO, die ich als politische Streetart-Künstler sehr schätze

Eigentlich wollte ich am 7. April nach Berlin zurück fliegen, habe aber am Montag umgebucht. Ich werde einen Monat länger in Oaxaca bleiben, denn ich benötige hier noch etwas Zeit, damit ich mich dieser Stadt genauso zu Hause fühlen kann, wie in Berlin. Denn das war und ist nämlich das Ziel meines Hierseins. Ich bin dabei, mir eine zweite Heimat, ein Winterdomizil aufzubauen.

Mittlerweile lebe ich in Oaxaca in einem Umfeld, das in vielem dem in Berlin ähnelt. Hier in der Stadt habe ich alles, was ich an Berlin schätze und liebe, ein interessantes Kultur- und Nachtleben, eine politisch aktive (Kunst-)Szene, eine Stammkneipe, in die ich jederzeit kommen kann und jemanden bekanntes antreffe und natürlich auch ein paar Freunde.

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Das alles hätte ich ein knapp einer Woche zurücklassen müssen. Ich möchte aber meine Freundschaften hier noch ein wenig festigen und ausbauen, damit ich im nächsten Winter genauso nach Oaxaca zurückkehren kann, wie in wenigen Wochen nach Berlin.

Die kleine Expat-Community, in der ich mich die letzten Monate bewegt habe, löst sich jetzt zwar so langsam auf, aber mittlerweile spreche ich so gut Spanisch, daß ich mich auch mit den Mexikanern, Argentiniern und Kolumbianern anfreunde, welche die Orte frequentieren, an denen ich abhänge. Und ich merke, daß mein Spanisch mit jedem Tag besser wird. So kann ich bereits mit der Friseuse beim Haare schneiden etwas Smalltalk machen oder beim Kaufen eines Rasierers mit dem Mann hinterm Tresen darüber witzeln, ob nicht eher die anwesenden Mädels einen bräuchten.

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Seit Anfang letzter Woche habe ich auch zwei neue Mitbewohnerinnen, mit denen ich mich ziemlich gut verstehe. Wir sind gerade dabei, eine nette kleine WG zu gründen. Mal mit anderen Leuten zusammen zu wohnen, war ja einer der Gründe, weswegen ich vor zwei Monaten aus dem schönen Hostal weggezogen bin. Nun bekomme ich endlich die Gelegenheit dazu.

Die Entscheidung noch ein Weilchen hier zu bleiben, fiel mir erst recht leicht, als ich hörte, wie zu Hause die Großwetterlage ist. Zu Ostern Schnee! Und jetzt freut man sich, wenn die Sonne mal kurz durch die Wolken lugt und die Temperaturen auf fünfzehn Grad klettern. Das nennt man dann auch noch ganz glücklich Frühling. Ich bin Sommer gewöhnt und möchte im schlimmsten Fall in einen richtigen Frühling zurückkehren, einen mit viel Sonne und Temperaturen zum draußen sitzen. Und bis dahin werden wohl noch ein paar Wochen vergehen, die ich viel besser hier nutzen kann.

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Denn alles was ich derzeit in Berlin machen würde, kann ich genauso gut hier erledigen. Ich werde mich in den nächsten Woche in die ruhigen Höfe von Grafikinstitut und Philateliemuseum zurückziehen und ein wenig an den Artikel arbeiten, für die ich in letzter Zeit recherchiert habe. Und ich gedenke auch weiter – unregelmäßiger und an anderer Stelle – über die Dinge zu berichten, welche mir hier begegnen. Einen entsprechenden Hinweis wird es zu gegebener Zeit an dieser Stelle geben.

24
Mrz
2008

...

Langweilig geworden ist mir über Ostern in Oaxaca nicht. Dafür sorgte schon das abwechslungsreiche Nachtleben der Stadt. Über die Feiertage war aber auch ansonsten einiges los.

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Einer der häufigen Umzüge in Oaxaca

Als ich am späten Nachmittag zu Hause ankam, erzählte Carina, sie würde sich mit Steffi und einigen anderen bei Paul auf der Dachterrasse treffen. Später wollte man noch weiter ins Café Central ziehen, wo es am Karfreitag ein Konzert geben sollte. Wenn ich wolle, könne ich dazu stoßen, meinte sie. Natürlich hatte ich Lust den Abend in lustiger Gesellschaft zu verbringen. Also kaufte ich nach dem Kinobesuch im Pochote ein Literfläschchen Bier und machte mich auf den Weg zu Pauls Domizil an den „Escaleras de Fortín“.

Als ich eintrudelte, war die kleine Party schon voll im Gange und die erste Flasche Mezcal bereits geleert. Aber es gab ja noch eine, sodaß ich nicht auf dem Trockenen sitzen blieb. Außer den Leuten, die ich schon kannte waren noch Werner, ein Landsmann Carinas, und Christoph, ein Freund von Steffi da. Letzterer schenkte mir fleißig Mezcal nach, während Paul immer wieder in der Küche verschwand, um uns mit Pommes Frites und gebratenen Bananen zu verwöhnen.

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Die Stimmung war so gut und die Vorräte an Mezcal und Bier so groß, daß wir fast das Konzert im Central verpaßten. Wir kamen zu den letzten beiden Songs und bekamen nur mehr zu hören, weil wir lauthals in das „Otra! Otra!“ der anderen einstimmten. Schade eigentlich, denn was da von der Bühne schall, klang ganz gut. Es war etwas angepunkter, harter Latinorock. Genau das Richtige zum abtanzen. Aber dazu sollte ja noch am nächsten Abend Gelegenheit sein. Zumindest dachten wir das. Laut Ankündigung sollte „Aphrodita“ dann nämlich Cumbia, Punk und Rock darbieten.

Am Samstagabend sind wir früher ins Central aufgebrochen, was auch wieder ein Fehler war. Ich weiß nicht genau wann die Band zu spielen anfing, aber ich hatte wohl schon drei oder vier Bier getrunken. Dann ging plötzlich auf der Bühne das Licht aus und eine Videoshow mit Flammenschwertern schwingenden Legionären wurde gezeigt, zu derem Ende die beiden Kämpfer höchst persönlich auf der Bühne erschienen und zu Klängen, die irgendwo zwischen Rammstein, Laibach und „Los Hereos del Selencio“ angesiedelt waren das gerade gesehene live vorführten.

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Nicht schlecht für den Anfang, dachte ich mir, war aber mit dieser Auffassung ziemlich allein auf weiter Flur. Hinter mir brüllte ein schon ziemlich angetrunkenes Frauentrio „Queremos bailar, queremos bailar!“ – Wir wollen tanzen! – was die Schwertkämpfer zum Anlaß nahmen auf Cumbia umzuschalten. Und dabei blieb es dann auch den Rest des Abends. Während aus der Konserve Latinorhytmen runtergenudelt wurden, krächzten die beiden in ihre Mikros und entledigten sich nach und nach ihrer Legionärsuniformen.

Abgesehen von der mäßigen Musik war der Abend auch ansonsten eher ein Reinfall. Der Laden war knackevoll, man konnte fast nicht treten vor Menschenmassen, geschweige denn vernünftig tanzen. Der Qualm, zu dem ich zugegebener Maßen selber beitrug, machte meiner aufkeimenden Bindehautentzündung zu schaffen und zur Krönung des Ganzes sagte ein Mexikaner zu Carina, daß alle Deutschen und Österreicher Rassisten seien, während ein andere völlig begeistert über ihre Herkunft aus Oberösterreich war. Da kam doch der Hitler her, meinte er und begann von seinem Idol zu schwärmen. Ich weiß schon, warum ich so ungern am Wochenende ausgehe. Da läuft mir einfach zu viel Dummvolk rum.

Ostern auf mexikanisch


Eigentlich hätte ich mit mehr Rummel über die Feiertage gerechnet. Das war auch einer der Gründe, weswegen ich mit an den Strand fahren wollte. Das Wochenende zuvor war die Stadt nämlich voll mit Menschenmassen, die sich von Straßenfest zu Straßenfest schoben. Es gab kaum einen Fleck, wo man Ruhe fand.

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Das Osterwochenende war das ganze Gegenteil. Der Ostersonntag war genauso langweilig, wenn nicht noch öder, wie die anderen Sonntage in Oaxaca. Nur gegen Abend gab es eine Reihe von Messen und, wie schon am Freitag, eine Prozession. Am Karfreitag zogen abends hunderte Gläubige mit Kerzen, Standarten und Heiligenstatuen zum „Marsch des Stille“ durch die Straßen der Stadt. Den Schluß des Zuges bildeten barfüßige Männer mit Kapuzen über den Gesichtern, welche riesige Holzkreuze auf den Schultern hinter sich her zerrten.

Von all dem Rummel am Sonntagabend habe ich allerdings nicht viel mitbekommen. Ich war so fertig, daß ich auf der Couch im Wohnzimmer eingeschlafen bin und erst aufwachte, als von draußen laute Kanonenschläge zu hören waren. Das hat mich aber nicht weiter gestört. Da ich todmüde war, beschloß ich zur Abwechslung mal früh ins Bett zu gehen.

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Der Lärm wollte aber nicht aufhören und als auch noch dicke Rauchschwaden in mein Zimmer wehten, machte ich doch noch mal auf den Weg. Eine Straße weiter, kurz vor „Carmen Alto“, hatte man am Nachmittag ein riesiges, die umliegenden Häuser um das Doppelte überragendes, pyramidenförmiges Gerüst aufgebaut. Dieses stand jetzt buchstäblich in Flammen. Mal drehten sich an seiner Spitze brennende Spiralen und Sekunden später flammten dann österliche Sprüche auf. Dazwischen wurden immer wieder Raketen gestartet, was zuerst wie der Abschuß einer Kanone und dann, wenn sie am Himmel explodierten, wie der Einschlag der Granate klang. Zum Abschluß hob von der Spitze des Gerüstes ein sich drehender Feuerring ab und stieg langsam dem Vollmond entgegen in den Nachthimmel.

Vorboten des Abschieds

Sonntag Nachmittag lag etwas Komisches über der Stadt. Der Himmel war mit dicken grauen Wolken verhangen und eine drückende Schwüle machte sich breit, die am nächsten Morgen empfindlicher Kälte wich. Es war fast zu kalt für meinen morgendlichen Ausflug zur Plazuela Labastida. Mich überkam plötzlich eine gewisse Traurigkeit, die erst verflog, als gegen Mittag die Wolkendecke aufriß und die Sonne alles in ihr gleißendes Licht tauchte. War diese melancholische Stimmung ein Vorgefühl des nahenden Abschieds? Carina würde am Mittwoch fahren. Dienstag Abend sollte es noch eine kleine Abschiedsparty in der Embajada geben. Steffi wollte am Wochenende weiterreisen und in nicht ganz zwei Wochen müßte auch ich mich auf den Heimweg machen. So langsam löste sich unsere kleine Comunidad hier auf.

21
Mrz
2008

...

Nun habe ich es doch noch geschafft die Leute von der TU in San Martin Itunyoso, einem Triqui-Dorf auf halbem Weg von Oaxaca zur Küste, zu besuchen. Nachdem der Trip noch einmal verschoben wurde, ging es am Montag Morgen endlich los, aber auch das nicht ohne eine kleine Korrektur des ursprünglichen Reiseplans. Es war total spannend ein indigenes Dorf mal für ein paar Tage aus nächster Nähe erleben zu dürfen. Ich hatte eine schöne, intensive Zeit da oben. Nur der Abschied wurde zum kleinen Wermutstropfen.

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Die Sache mit dem Borsalz klappte ziemlich gut, abgesehen davon, daß man in dem Laden ewig brauchte, um den Preis herauszufinden und eine Rechnung zu schreiben. Das war dann wohl auch der Grund, weswegen das Taxi utopische achtzig Peso kostete. Ich hatte es in der Annahme, daß der Job schnell erledigt sei, vor dem Laden Warten lassen.

Als ich gerade das Ticket für die Fahrt nach San Isidro gelöst hatte und im Begriff war mich im Wartesaal der kleinen Bushaltestelle niederzulassen, klingelte mein Handy. Am anderen Ende war Karina, eine mexikanische Studentin, die ich bereits in Berlin kennen gelernt hatte. Sie wollte mit Hannah ebenfalls zur Baustelle nach San Martin Itunyoso fahren, meinte aber, sie würden es nicht bis zur Abfahrt des Busses um zehn Uhr schaffen. Da ich es für eine gute Idee hielt, zusammen zu fahren, tauschte ich mein Ticket gegen eins für den Bus, der eine Stunde später fuhr.

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Der Kleinbus erreichte San Isidro, das auf halben Weg zwischen Tlaxiaco und Putla liegt, nach gut vier Stunden kurvenreicher Fahrt durch die Berge. Hier mußten wir sehen, wie wir weiterkommen. Ursula meinte, es gäbe im Ort Taxis, die nach San Martin fahren würden. Das einzige weit und breit zu sehende war aber gerade nicht frei. Eine junge Frau fuhr uns dann für fünfzig Peso mit ihrem Wagen.

Langsam schraubten wir uns die staubige Schotterpiste bergauf. Immer wieder überholten wir dabei kleine Karawanen voll beladener oder Esel vor sich her treibender Leute in den bunten Ponchos der Triqui. Nach knapp zwanzig Minuten Fahrt tauchte hinter einer Kurve das Dorf vor uns auf.

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San Martin Itunyoso liegt in einem kleinen Tal, dessen baumlose Hänge mit Häusern, oftmals Holz oder Wellblechhütten, zugebaut sind. In der Talsohle befindet sich eine riesige Plaza, welche auf der einen Seite vom hellblau leuchtenden Rathaus, auf der zweiten von einer rosa Kirche und dem noch halbfertigen Kirchturm und diesen gegenüber liegend von einer Art Markthalle begrenzt wird. Letztere schien allerdings nicht benutzt zu werden, zumindest habe ich sie nie offen gesehen. Auf der verbleibenden vierten Seite war die Plaza offen. Dort führten riesige Stufen einen kleinen Hügel hinauf und bildeten eine Art Tribüne von der man den ganzen Platz überblicken konnte.

Casa Hogar

Unser Ziel lag auf der anderen Seite des Tals. An der Plaza vorbei durchquerten wir es und arbeiteten uns auf einer staubigen Straße den gegenüberliegenden Berg hinauf. Ganz oben befand sich hinter einer hohen Backsteinmauer versteckt das Casa Hogar. Hier wollte ich die nächsten Tage verbringen.

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Bei dem Haus handelt es sich um eine Art Internat, welches von drei Nonnen geführt wird. Wie mir Mutter Beatriz erklärte, leben hier bis zu vierzig Mädchen und Jungen aus San Martin und umliegenden Dörfern, die in der Regel keinen Vater und in einigen Fällen auch beide Elternteile nicht mehr hatten. Da die allein erziehenden Mütter oder Großmütter damit oftmals überfordert waren, werden die Kinder hier von den Schwestern betreut.

Als wir kamen, waren allerdings keine Kinder zu sehen. Weil es seit mehr als einer Woche kein Wasser gab, aber auch wegen der Osterferien, waren alle bei ihren Familien. Den Schlafsaal der Jungen hatte man mittlerweile zum Baubüro umfunktioniert. In ihm sollte ich mir auch ein leer stehendes Bett suchen.

Ferienspiele

Es stimmt nicht ganz, daß es keine Kinder hier oben gab. Immer wieder sprangen einige über die Baustelle und verfolgten interessiert das Treiben dort. Der eigentliche Grund ihres Auftauchens war allerdings ein anderer. Über die Ferientage sind vier Lehrer aus D.F. nach San Martin gekommen, um mit den Kindern des Dorfes Freizeitaktivitäten durchzuführen. Das Ganze ging auf die Initiative der letzten Leiterin des Heimes zurück, welche jetzt als Schulleiterin in Mexiko Stadt arbeitet. Sie begeisterte einige ihrer jüngeren Kollegen zu dieser Reise in die abgelegenen Bergwelt Oaxacas.

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Mitte der Woche gab es ein großes Event, das mehrere Dutzend Kinder zu uns auf den Berg lockte. Nachdem der Nachmittag mit Sport, Spiel und Tanz verbracht wurde, hatte man am frühen Abend ein Lagerfeuer angezündet. Um dieses drängten sich alle, brieten Marshmellos und sangen Lieder.

Zum Abschluß begaben sich die Kinder noch auf eine Reise zu den Sternen. Nachdem das Feuer gelöscht worden war, verbanden sich alle die Augen und einer der Lehrer las eine kleine Geschichte vor. Währenddessen versprühten die anderen eine phosphorizierende Flüssigkeit. Am Ende sahen die Kinder aus, als wären sie selbst Teil des Sternenhimmels, den sie gerade bereist hatten. Sie waren begeistert, als sie die Tücher von den Augen nahmen.

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Danach gab es noch Kakao und Pan Dulce, einer Art trockenen Kuchen. Dazu wurden gemeinsam christliche Lieder gesungen. Darüber mag jetzt jeder denken, wie er will. Mir jedenfalls hat der liebevolle Umgang der Lehrer und Nonnen mit den Kindern gefallen. Immer wieder wurde von ihnen hervorgehoben, daß diese als Triqui Teil der Völker Oaxacas und Mexikos sind und somit ihnen Selbstbewutsein und Stolz auf ihre Herkunft vermittelt. Das finde ich insofern nicht ganz unwichtig, weil auf die Triqui selbst von den Mitgliedern anderer indigener Völker herab geschaut wird.

Bauen unter erschwerten Bedingungen

Für diese Kinder bauten knapp zwei Dutzend Studenten ein Gemeinschaftshaus mit Kuschelecke und Spielwiese. Und das unter Bedingungen, die nicht als ideal bezeichnet werden konnten. Nicht nur daß es seit zehn Tagen kein Wasser gab, was unter anderem hieß, daß man sich nach einem langen Arbeitstag nicht einmal vernünftig waschen konnte. Es blies hier oben auch ein eisiger Wind. Nachdem die Sonne hinter dem Horizont oder auch nur einer Wolke verschwunden war, wurde es empfindlich kalt. Das war insbesondere für die Leute ein Problem, welche Lehmsteine herstellten. Der Lehm ließ sich bei der Kälte nicht vernünftig verarbeiten, erst recht nicht mit steif gefrorenen Händen.

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Die widrigen Umstände schlugen sich auf die allgemeine Stimmung nieder. Viele wirkten erschöpft, einige leicht frustriert. Letzteres war auch dadurch bedingt, daß Zweifel am Sinn des Projektes aufkamen. Verglichen mit dem Rest des Dorfes machte das Casa Hogar einen wohlhabenden Eindruck. Brauchte man hier wirklich ein Gemeinschaftshaus? Würde das Gebäude später von den Kindern auch genutzt werden? Diese Fragen wurden in den Gesprächen, die ich geführt habe, immer wieder gestellt.

Darüber hinaus schien sich die Studenten im Dorf nicht wirklich willkommen zu fühlen. Viele sahen es als gefährlich an, alleine durch die staubigen Straßen zu gehen. Das war vor allem den aggressiven Hunden geschuldet. Am ersten Tag nach ihrer Ankunft wurde eine Studentin aus Barcelona von einem ganzen Rudel Dorfköter attackiert und leider auch gebissen. Jetzt durfte sie sich neben einer Tetanusspritze auch noch mehrere Tollwutinjektionen abholen.

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Aber auch die Dorfbewohner sollen nicht übermäßig freundlich sein. Vor allem die nicht selten schon am frühen Morgen betrunkenen Männer konnten wohl unangenehm werden. Vielleicht spielten bei den über das Dorf und seine Bewohner geäußerten Meinungen auch ein wenig die Geschichten eine Rolle, welche durch Leute von außerhalb verbreitet wurden. In denen hieß es nicht selten, die Leute hier im Ort seien Kriminelle, hier würde gestohlen und geraubt. Ein Taxifahrer soll sich sogar geweigert haben, nach San Martin zu fahren.

Eigene Erkundungen

Kurz nach Sonnenaufgang dröhnte es immer aus den Lautsprechern vom Rathaus zu uns hinauf. Dann schnappte ich mir Kamera und Recorder und drehte eine erste Runde durch den Ort. Auf dem Weg zur Plaza rannten mir laut kläffend Hunde hinterher und vom Getränkeladen grüßten die Alkoholiker mit einer Bierflasche in der Hand.

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Auf dem Platz war früh um acht schon einiges los. Vor dem Gesundheitszentrum saß fast jeden Morgen eine Gruppe traditionell gekleideter Frauen in deren Mitte ein Mann stand und Schautafeln herum zeigte. Auf dem Basketballfeld nebenan spielten Jugendliche Fußball. Und immer wieder liefen Leute an der Kirche vorbei über den Platz in Richtung Rathaus.

Dort schwang ein Mann große Reden in einer Sprache die wohl Triqui sein muß. Verstanden habe ich jedenfalls kein Wort. Hin und wieder kamen Fragen von den Anwesenden, auf die wortreich eingegangen wurde. Von Luis, dem „Außenminister“ der Gruppe, hatte ich erfahren, daß auf den morgendlichen Versammlungen gemeinsame Arbeiten besprochen und Aufträge vergeben wurden. Auch er konnte kaum jemanden mit einem Job betrauen, ohne daß der „Presidente“ des Dorfes diesen hier vermittelte.

Schwer auf Film zu bannende Farben

Am Mittwoch war, wie immer, Markttag in San Martin Itunyoso. Auf der Plaza und in den angrenzenden Straßen wurden Planen gespannt und Stände aufgebaut. Auf der einen Seite der Plaza plärrte aus den Lautsprechern der CD-Händler laut Cumbia und von der gegenüberliegenden tönte Latino-Rock herüber. Die Leute auf dem Platz schien der Lärm aber nicht zu stören.

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Auf dem Markt gab es alles was man in einem Dorf wie San Martin zum täglichen Leben benötigt. Neben den CD-Regalen hatten Klamottenhändler ihre Stände aufgebaut. Wassermelonen, Obst und Gemüse wurden gleich vom LKW verkauft und in der Mitte des Platzes saßen Frauen umgeben von Haushaltswaren, die sie an den Mann oder die Frau bringen wollten.

Dem Auge bot sich ein buntes Treiben, eine wahre Freude für den Fotografen. Überall waren die farbenfrohen Ponchos der Triquifrauen zu sehen. Leider mußte ich erfahren, warum man mich gewarnt hatte, beim Fotografieren vorsichtig sein und auf jeden Fall die Leute vorher zu fragen. Allein wenn ich nur in die Menge hinein knipste erntete ich den einen oder anderen mißbilligenden Blick. Fast alle Leute, die ich ansprach, wollten nicht fotografiert werden.

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Die Menschen in San Martin sind aber nicht alle so zurückweisend, wie das jetzt erscheinen mag. Auf der Straße oder beim Betreten eines Geschäftes wurde ich stets gegrüßt und danach gefragt, wo ich herkomme und was ich hier mache. Das konnte zum Teil recht anstrengend werden, da ich sämtlichen anwesenden Herren dann auch die schwieligen Hände schütteln mußte.

In solchen Situationen war es leichter gute Bilder zu machen. Zum Teil wurde ich direkt daraufhin angesprochen, ob ich nicht fotografieren wolle. Auf einem Hof mußte ich der Reihe nach sämtliche Damen ablichten. Der einen wurde vorher noch schnell ihr bunter Poncho übergeworfen.

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Ich glaube, Fotografieren hat hier eine ganz andere Bedeutung als bei uns. Man macht nicht einfach mal ein Bild als Momentaufnahme. Fotos werden für die Ewigkeit gemacht. So stand eine älterer Frau zum Beispiel extra auf und posierte stocksteif für das Foto, um welches ich sie gebeten hatte. Von der malerischen Szene die sich mir bot, als ich sie umgeben von ihrem Viehzeug auf dem sitzen Hof sah, ist leider nicht vile zu erkennen.

Überstürzter Aufbruch

Eigentlich wollte ich zusammen mit den Studenten über Ostern an die Küste fahren. Einige Leute hatten mich gefragt, ob ich mitkäme. Das hatte ich irgendwie als Einladung verstanden. In Putla jedoch fragte mich eine der Zimmerfrauen, mit denen ich hierher vorgefahren bin, was ich denn dort überhaupt wolle.

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Sie und ihre Kollegin gaben mir zu verstehen, daß es nicht nur ihnen, sondern der gesamten Gruppe nicht recht sei, daß ich mitkomme. Das wurde dann zwar zum Teil zurückgenommen, aber eine der Frauen sagte weiterhin, ich sei ich ihr persönlich nicht sonderlich sympathisch und daß ihr meine Art nicht gefalle. Das begründete sie unter anderem damit, weil ich mich bei meiner Ankunft nicht vorgestellt hätte. Ich war so perplex, daß mir darauf spontan keine Erwiderung einfiel, nicht einmal, daß ich im November ja schon mit allen an an der TU zusammengetroffen bin.

Auf einen Schlag war mir die Lust auf Strand vergangen. Ich hatte auch keinen Bock mit der Tür des Taxis in der Hand nachzuholen, was ich zuvor versäumt hatte und alle einzeln zu fragen, ob sie etwas dagegen hätten wenn ich die Tage mit ihnen am Strand verbringe. Ich beschloß kurzerhand nach Hause zu fahren.

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Das Klima war plötzlich auch derart frostig, daß ich nicht einmal mehr warten wollte, bis der Rest der Leute in Putla eintraf, um mich zu verabschieden. Ich bat die beiden, den anderen zu berichten, was vorgefallen war, schnappte meine Sachen und machte mich auf die Suche nach einem Bus Richtung Oaxaca.

Von diesem etwas unschönen Ende meines Ausflugs nach San Martin abgesehen, waren die Tage da oben sehr schön. Ich hatte viele interessante Gespräche mit den am Mexiko-Projekt beteiligten Leuten, im Laufe derer sich mein Bild davon auch gewandelt hat.

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Nachdem ich an zwei Tagen ein wenig mitgearbeitet hatte, verstand ich auch, warum viele recht fertig waren. Schon nach ein paar Stunden Nägel einschlagen oder Balken auf's Dach hieven taten mir alle Knochen weh. Wie mußte das erst sein, wenn man vier Wochen zehn bis zwölf Stunden jeden Tag arbeitet?

Richtig gefreut hat mich übrigens, daß Madre Beatriz zum Abschied ihre zuvor schon einmal ausgesprochene Einladung wieder ins Casa Hogar zu kommen, nochmals wiederholte. Das werde ich auf jeden Fall bei meinem nächsten Aufenthalt in Oaxaca machen. Eine bessere Gelegenheit gibt es nicht, aus nächster Nähe zu erleben, was ich aus den Gesprächen mit meinen Lehrern und den Filmen über das Leben der Indiginas erfahren habe. Und es wäre auch eine gute Idee, mehr über die Arbeit der Madres in San Martin Itunyoso zu berichten.
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